Tierra sín mal

Colina del sol

07
Ja
Gibts da überhaupt Ärzte?
07.01.2019 08:51

Diese Frage wurde und wird uns immer wieder gestellt. Daher habe ich mir gedacht, ich räume, hier an dieser Stelle, mal etwas mit dem was in Paraguay anders ist, auf.

Aber selbstverständlich gibt es hier auch Ärzte. In Paraguay geht man, wenn man eine Unpässlichkeit hat, nicht erstmal zum Hausarzt und lässt sich weiter überweisen. Nein, hier ist das System ein anderes. In Paraguay geht man direkt ins Krankenhaus. Dort wird man sofort kostenfrei behandelt. Denn die Grundversorgung im Krankenhaus ist stets für jedermann kostenfrei. Richtig, kostenfrei! Denn der durschnittliche Paraguayo hat nicht das Geld um monatlich viele Guaranis der Versicherung zu überweisen. Es gibt hier sehr gut, in Deutschland oder USA, ausgebildete Ärzte. Davon mal ab, wo werden die Menschen nicht krank? Oder, wo wird nicht gestorben? ;-) Außerdem ging bisher der Paraguayo noch sehr oft zu seinem traditionellen Heiler. An diesem "Fehlverhalten" der hiesigen Bevölkerung arbeitet bereits die Pharmaindustrie sehr erfolgreich. Die Farmacias (Apotheken) sprießen wie Pilze aus der Erde.

Apropos Pilze, Pilze werden hier weder zu Speisen verarbeitet noch gegessen und auch nicht verkauft. Pilze sind, so meint der Paraguayo, die Hinterlassenschaften der Trolle. Diese sind im Glauben der Paraguayos/Guaranis noch sehr existent.

Wenn wir, so wie wir es aus Deutschland kennen, unsere Hinterlassenschaften erfolgreich im WC versenkt haben, uns anschließend mit Toilettenpapier säubern und dann das benutzte Papier ins WC werfen wollen, DAS geht gar nicht. Die Toilette wäre sofort verstopft. Das schafft hier die Kanalisation nicht. Die Abwasserkanäle haben in Paraguay nicht den Durchmesser wie es in Deutschland üblich ist. Das benutzte Toilettenpaier wird hier in einem, neben der Toilette stehenden, Mülleimer entsorgt. Wenn dieser voll ist, wird der Inhalt im Garten verbrannt.

Während man in Deutschland für alles und jedes eine Ausbildung oder Prüfung braucht, geht hier alles ohne selbiges und einfach so, völlig unkompliziert. Natürlich wäre es hilfreich hier und da zu wissen was man da tut. Aber der Paraguayo ist ein Improvisationstalent vor dem Herrn. Fragt man den Paraguayo ob er einem dieses oder jenes bauen oder reparieren kann, so würde er die Frage niemals verneinen. Er gibt sich immer an die gestellte Aufgabe und meistert sie nach bestem Wissen und Gewissen. Sollte er selbst verzweifeln und den Geld bringenden Auftrag nicht erfolgreich abschließen können, so hat er garantiert einen Onkel, Bruder, Vetter etc. der das dann aber 100%ig kann. Alles was der Paraguayo kann, hat er durch Überlieferungen beigebracht bekommen oder er hat es sich selbst, durch Erfahrungen, gelehrt. Wie gesagt, der Paraguayo verdient im Durchschnitt gerade so viel das er "gut" über die Runden kommt. Daher würde er, nur weil er etwas nicht weiß oder nicht kann, niemals einen Auftrag ablehnen. So ist uns folgendes passiert: Als wir das erste Mal in Asunción waren, kannten wir uns nicht aus und wollten zu unserer Einwanderungshelferin. Wir nahmen uns ein Taxi und teilten dem Fahrer die Zieladresse mit. Er sagte uns das alles kein Problem wäre und schon ging die Fahrt los. An der ersten Kreuzung wählte unser Fahrer auf seinem Handy eine Nummer. Bis der Teilnehmer endlich, gefühlte 30 Minuten später, ans Telefon ging, waren wir bereits in die entgegengesetzte Richtung gefahren. Nun war der Teilnehmer am anderen Handyende, Gott sei Dank, ganz Ohr und konnte sogar helfen. Von da an wurde unser Fahrer bis zum Ziel, vielleicht von Onkel, Bruder, Vetter etc. durch den Verkehr navigiert und wir kamen doch noch pünktlich an unserem Ziel an.

Man kann hier in Paraguay alles kaufen, was man auch in Deutschland bzw. auch in Europa kaufen kann. Wir haben in den, für den Paraguayer äußerst wichtigen ShopppingCentern, viele Artikel von wirklich hochwertigen bzw. hochpreisigen Firmennamen der Schmuck.-, Kleidungs.- und HiFi-Branche gesehen. Auch gibt es dort diverse Möbelgeschäft, zu deren Besuch man die hochkarätigen Kreditkarte nicht vergessen sollte. Mit anderen Worten, in Paraguay ist sprichwörtlich ALLES möglich. Neulich las ich in einem Artikel: In Asunción soll es einen Baumarkt nach deutschem Vorbild geben. Mit dem richtigen Geldbeutel bekommt man dort nun, vom doppelten Isolierglas bis hin zum Kunststofffenster mit Aluminiumkern, alles. Hm, brauche man hier überhaupt ein doppeltes wärme- und schallisoliertes Fenster? Na ja, das soll jedem selbst überlassen sein. ;-)

Außerdem ist Paraguay ein Fleisch fressendes Land. Man bekommt hier an jeder Ecke Asado (gegrilltes Fleisch) zu kaufen. Paraguays Rindfleisch ist von höchster Qualität und dotiert auf dem Internationalen Markt noch vor dem argentinischen Steak. Das lässt das Fleisch fressende Herz höher schlagen ;-) Vegitarier sind meistens aus Europa und müssen sich hier, obwohl hier überall die herrlichsten Früchte wachsen, für teuer Geld ernähren. Es sei denn, man ist Selbstversorger ;-)

Dazu eine Worterklärung aus dem Wörterbuch: Carne = wörtlich: Fleisch   Gemeint ist in Paraguay jedoch immer Rindfleisch. Huhn und Schwein werden als solches bezeichnet (pollo bzw. cerdo) oder teilweise auch nur als vegetarische Beilage gesehen.

Tja, mit der Pünktlichkeit, so kann man sich sicherlich schon denken, sieht man es hier auch nicht so eng wie in Deutschland. Wie gesagt, es ist immer alles möglich. Zwar nie sofort aber garantiert später. Später ist bekanntlich ein dehnbarer Begriff. Die Zeiteinteilung wie wir sie kennen und so peinlich genau, gibt es hier generell nicht. Hier ticken die Uhren anders. Wenn man in Paraguay um 20:00 Uhr zu einer Feier eingeladen ist dann sollte man auf keinen Fall schon um 20:00 Uhr auftauchen, sondern auch frühestens um 23:00 Uhr mit dem Abendessen rechnen. Wenn man übrigens zu einer Feier im kleinen Kreis eingeladen ist, handelt es sich in der Regel um mindestens 70 Gäste. Und dem Paraguayo auf dem Campo ist die Sonne die Uhr. Er richtet sich zwischen Sonnenaufgang, Sonnenhochstand und Sonnenuntergang ein und verrichtet irgendwie dazischen seine Arbeit. Wenn es mal Regnen sollte, so hat der Paraguayo frei und geht nicht zur Arbeit. Nicht weil er etwa an den anderen Tagen vorgearbeitet und schon das Geld verdient hat. NEIN, wie gesagt, der Paraguayo ist nicht wohlhabend und kann sich nicht unbedingt ein Auto leisten, Wenn denn dann doch, ist es meistens recht alt und klapprig. Der Einheimische ist noch sehr oft mit dem Moto (motorisiertes Zweirad) unterwegs. Diese kommen dann, auf den durch Regen aufgeweichten Erdstraßen, nicht mehr weiter und bleiben stecken. Daher bleibt der Paraguayo bei Regen zu Hause und verzichtet auf das Arbeiten. Somit freut sich der Campecino über den Regen und das nicht nur weil die Erde Wasser bekommt und seine Äcker gedeihen. Es gibt einige Paraguayos, hauptsächlich in den großen Städten und vor allen Dingen in den deutschen Kolonien, die sich schon sehr uns Europäern angepasst haben und tatsächlich auch auf die Minute pünktlich sind und auch bei Regen zur Arbeit erscheinen (wenn sie am Asphalt wohnen und arbeiten) Das ist aber auch DIE Seltenheit.

Selbstverständlich braucht man auch in Paraguay zum Fahren eines Fahrzeugs einen Führerschein. Aber keine Sorge: Jeder Paraguayer kann weiterhelfen und sagen, wo man ihn am besten kaufen kann. Sogar in den Zeitungen stehen hierfür detaillierte Gebrauchsanweisungen, selbstverständlich mit erhobenem Zeigefinger, aber dennoch so ausführlich, dass es einfach nachzumachen ist. Dabei sind es nicht vereinzelte Stadtverwaltungen, bei denen dies möglich ist, sondern es ist eine sehr weit verbreitete "Sitte".  So ist es auch üblich, das schon die Schulkinder mit dem Moto (ab 8 Jahren) zur Schule fahren. Meist fährt das älteste Kind mit den jüngeren Geschwistern oder Nachbarskindern, auf dem Sozius, zur Schule. Fahrschulen für Zwei.- oder Vierräder, wie wir es aus unserer Heimat kennen, kennen die Paraguayos nicht. Sie setzten sich hinters Lenkrad und wenn sie den Motor zum Laufen bringen, fahren sie auch schon los. Ist doch ganz einfach! Der Paraguayo denkt sich wahrscheinlich "Was sind die Europäer dumm. Die müssen zur Schule um zu wissen wie ein Auto funktioniert. Wir wissen das schon von Geburt an. Was sind wir doch schlau." So geht es natürlich auch im Straßenverkehr zu. Der, der die lauteste Hupe hat oder das größere Auto bzw. den stärkeren Motor hat, hat automatisch Vorfahrt. An den wenigen roten Ampel, die eine Stadt vielleicht hat, wird dennoch, hier und da, wiederwillig angehalten. Verkehrsregeln gibt es zwar, so wie es auch viele andere Regeln und Gesetze gibt. An diese hält man sich nur nicht oder sehr selten. Auf der anderen Seite fordert auch niemand die Einhaltung konsequent ein. Verkehrsregeln werden wie Empfehlungen gesehen. So ist z. B. seit einiger Zeit Pflicht auf dem Moto einen Helm zu tragen. Da es aber nur die allerwenigsten machen, bekommt nun jeder der ein neues Moto kauft gleich einen tollen Helm dazu geschenkt. Somit hat sicherlich fast jeder Paraguayo einen oder schon meherer tolle Helme zu Hause im Schrank. Da liegen sie dann gut und es kommt nix dran ;-) Auch in Paraguay gibt es ein Verzeichnis der Ordnungswidrigkeiten und deren Bußgeldhöhe (Multa). Natürlich basierend, wie in Deutschland, auf den gesetzlich verankerten Verkehrsregeln. Sehr selten aber werden tatsächlich Bußgeldbescheide ausgestellt - vermutlich, wie schon oben zu lesen, weil auf paraguayischen Straßen so ordentlich und zivilisiert gefahren wird.... Sollte es jedoch einmal dazu kommen, umgeht der ertappte Verkehrsteilnehmer dieser Strafe meistens durch geschicktes Verhandeln oder direktem Herausreichen eines Geldscheines, zusammen mit den geforderten Dokumenten. Letzteres erfordert selbstverständlich eine gewisse Erfahrung, um zu wissen, welcher Betrag in der jeweiligen Situation angemessen ist.

Auf einigen Fotos zeigte ich ja schon wie hier Autos und auch LKWs beladen werden. Es ist nämlich so, man lade so viel auf sein Auto wie möglich. Meistens muss man sich auch keine Sorgen machen, dass die Polizei einen anhält.... Die guckt normalerweise eh in eine andere Richtung. Wenn man aber ganz sicher sein will und es zufällig Abend ist, schaltet man vorsichtshalber nicht die Scheinwerfer ein - so können die anderen nicht sehen, wie viel man geladen hat, aber man kann die anderen Verkehrsteilnehmer problemlos sehen - das reicht völlig aus! In den Colectivos (Autobus) gilt die Regel des Beladens natürlich analog. Man kann als Fahrgast wirklich alles transportieren. Ob es eine offen getragene Machete ist oder ein 6m langer Besen zur Dachreinigung. Und selbstverständlich auch alle 50kg Säcke mit lebendem oder totem Inhalt, den man für die Fahrt sonst so benötigt.

Bei uns in Deutschland passiert nichts zufällig. Alles ist vorausgeplant und meistens schon weit in die Zukunft. Hier in Paraguay bedeutet an die Zukunft denken lediglich für die Mahlzeit des nächsten Tagers zu planen.

Stromausfälle sind in Paraguay sehr häufig und man merkt erst wie abhängig man vom Strom ist, wenn man plötzlich keinen mehr hat. Auswanderer untereinander sagen: Angekommen in Paraguay ist man erst, wenn man bei Stromausfall keine Miene verzieht und seine angefangene Tätigkeit einfach ohne zu stocken fortsetzt. Die Gründe für die Stromausfälle sind neben "Stromumleitungen" ohne Bezahlung so vielfältig wie die Verkabelungsphantasie der paraguayischen Elektriker reicht.

Unter anderem hörte ich von folgender Begebenheit: Vor Jahren nahm ein deutscher Einwanderer hier in Paraguay Spanischunterricht bei einer einheimischen Lehererin. Als er die ersten Spanischhürden erfolgreich überwunden hatte, lud ihn seine Spanischlehrerin ins Stadttheater von Asunción ein. Sie hatte zwei Freikarten geschenkt bekommen. An den Titel der Aufführung erinnere ich mich nicht mehr. Der Einwanderer hatte es gewagt, ein Auto zu kaufen und damit am Asuncióner Verkehr teilzunehmen. Er holte die Leherein ab und sie fuhren zum Theater. Unterwegs erzählte sie ihm, dass morgens in der Zeitung gestanden habe, die Aufführung sei komplett kostenlos, wir bräuchten also keine Karten und sie hätte diese dann auch gleich zu Hause gelassen. AHA! "Wieso gibt es dann Freikarten?", war die Frage des Deutschen, die ihn im folgenden beschäftigte. Sie fanden einen Parkplatz und betraten das imposante Gebäude "Ignacio A. Pane" im Herzen des Mikrozentrums von Asunción. Sie wurden gefragt, ob sie Karten hätten. "Ja, aber nicht dabei", sagten sie. Sie wurden dann freundlich in die Schlange gebeten, während Karteninhaber sofort in den Aufführungsraum geladen wurden. Ab und an durften dann auch aus der Schlange ein paar Leute in den begehrten Saal. Nach einer gefühlten Stunde waren dann nur noch 2 Leute vor ihnen, doch dann hieß es: "Alles voll, kommen sie doch beim nächsten Mal wieder." Einige Wartende regten sich lautstark auf, da ihr langes Ausharren nicht belohnt wurde. Der deutsche Einwanderer senkte den Kopf und lief Richtung Auto los, seine paraguayische Lehrerin trappte ihm hinterher. Sie fuhren wieder zurück. Auf dem Weg kochte er stumm vor sich hin. Er hielt vor dem Haus, von dem aus der Ausflug begonnen hatte und hatte seinem Schweigen nichts mehr hinzuzufügen. Beim Aussteigen sagte die Lehrerin zu ihm: "Ich verstehe dich nicht. Warum regst du dich über etwas auf, das du nicht ändern kannst?"

Dieser Satz traf mich und unterstreicht einen wichtigen Unterschied zwischen den Kulturen, den ein Bekannter einmal so zusammenfasste: "Wir Deutschen haben die Tendenz, uns zu ärgern, wenn wir in einer Situation nichts tun können, bei vielen Paraguayern ist dies genau andersherum." Paraguayer ärgern sich tendenziell nämlich eher, wenn man an einer Situation ändern kann, da dies mit Aufwand verbunden ist. Eine Entschuldigung um etwas nicht zutun kommt eigentlich immer sehr gelegen. Diese praktische Weltanschauung der Paraguayer setzt sich in vielen anderen Bereichen fort. So wurde eine deutsche Bekannte einmal ob ihrer vielen Befürchtungen, was alles schief gehen könnte, wenn dies oder jenes in der Zukunft passieren und wie man diesen planerisch vorbeugen könne, von ihrem Gärtner gefragt, ob sie denn jemals das Hier und Jetzt genieße....

So gibt es viele Situationen und Gelegenheiten bei denen der Europäer ins Staunen kommt. Aber genau das ist DAS warum wir z. B. hier sind. Hier ist nie alles gleich. Die Norm kennt man hier nicht. Hier darf man noch Individualist sein. Hier darf und muss man vielleicht auch kreativ sein. Hier kann sich jeder noch nach seiner Fassong frei entfalten. Die Spielräume sind recht groß. Und, man mag es kaum glauben, es geht auch so. Es funktioniert! Außerdem ist die paraguayische Bevölkerung ausgesprochen hilfsbereit, aufgeschlossen und liebenswürdig und kennt keine Zwänge. Sie lassen sich nicht zur Eile drängen und haben statt dessen, stets mit einem Lächeln, ein tranquilo (ruhig) parat.

Wir, Theo und ich, müssen uns noch an vieles gewöhnen und noch viel mehr lernen. Wir sind schon feste dabei und lernen täglich neu. Es ist schön und richtig so. Es ist abernteuerlich und wir wissen nie was am nächsten Tag sein wird. Wir sind nun etwas über 4 Wochen in unserer neuen Heimat und haben bisher nichts bereut, im Gegenteil! Wir freuen uns auf das, was uns noch erwartet.

 

P.S.: Übrigens, auch in Paraguay gibt es Jahreszeiten: Es ist 9 Monate lang heiß - und dann kommt der Sommer! :-)

 

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